Die Teilnehmer der Radelaktion  nehmen ihre E-Bikes in Empfang. Foto: Florian Petrow

Klimaneutral durch Neustadt fahren? Geht das? Wie sicher ist das? Eine Gruppe von Führungskräften und Mitarbeitern aus Wirtschaft und Verwaltung haben den Test gemacht und anschließend Noten vergeben.

Für Kurzstrecken unter zehn Kilometern sind sie umgestiegen und haben für zwei Wochen ein E-Bike benutzt. Ihr Fazit: Per Rad geht es recht unkompliziert durch die Innenstadt – anders als mit dem Auto. Doch der Fahrspaß wird mancherorts ausgebremst.

Die sieben Testerinnen und Tester, die ihren Fragebogen zur Auswertung zur Verfügung gestellt haben, beurteilten mit Noten von „Eins“ bis „Fünf“, wie es um Fahrgefühl, Sicherheit und Fahrrad-Infrastruktur im Stadtgebiet bestellt ist. Ähnliche Umfragen gibt es auch in Großstädten, die den Radverkehr vorbildlich etabliert haben – etwa in Kopenhagen, seit Jahren Spitzenreiter in den Rankings beim Thema Verkehrswende. 97 Prozent der Befragten dort sind zufrieden mit ihrer Stadt als Fahrradstadt, geht aus einer Erhebung hervor. Davon sind die Neustädter noch weit entfernt. Fünf von sieben Testradlern bescheinigen Neustadt nur befriedigende oder gar mangelhafte Qualitäten. Neustadt hat also deutlichen Handlungsdruck, bevor die Straßen für alle – Anfänger wie Vielfahrer – tauglich sind. Wie Verkehrswende funktioniert, lernen wir also am besten von den europäischen Nachbarn.

Von Neustadt nach München

In einem Punkt herrscht Einigkeit bei allen Teilnehmern in Neustadt: Das Fahrradexperiment hat die Lust geweckt, künftig öfter aufs Rad umzusteigen. Fünf von sieben Promi-Radlern fühlen sich sogar etwas fitter nach den zwei Wochen.

Dafür haben sie auch ordentlich in die Pedale getreten: Auf einen Kilometerstand von 676 bringen es die Teilnehmenden zusammen. Das entspricht etwa der Strecke von Neustadt nach München. Spitzenreiter ist Firmenchef Hartmut Strecker. 150 Kilometer hat er mit dem E-Bike zurückgelegt. Das sei mehr, als er selbst erwartet hatte, schreibt er nach der Aktion. Dreistellige Werte zeigt der Kilometerstand bei den meisten.

Schnell, aber auch sicher?

Wer derzeit in Neustadt von A nach B will, steigt besser gleich aufs Rad. Wegen einer baustellenbedingten Vollsperrung der Bundesstraße 6 staut sich der Autoverkehr zu den Stoßzeiten auf den Hauptachsen wie der Herzog-Erich-Allee, auf der Nienburger und der Wunstorfer Straße. Mit dem Fahrrad geht es schneller, sagen fünf von sieben Teilnehmenden nach dem Test. Aber haben sie sich auch sicher gefühlt auf den Radwegen und Straßen im Stadtgebiet? Keiner der Befragten vergab beim Thema Sicherheit die Note „Sehr gut“. Die Mehrheit gab an, sich mäßig bis schlecht geschützt gefühlt zu haben. Unternehmer Bert Todtenhaupt urteilt sogar: mangelhaft.

Radler fordern mehr Schutz

Neustadt muss aufholen beim Thema Sicherheit, damit alle unbeschadet an ihr Ziel kommen. Die Befragten wünschen sich dazu vor allem mehr und bessere Radwege. Bert Todtenhaupt sieht zudem die Dörfer im Nordosten von Neustadt beim Thema Radwegenetz abgehängt.

Selbsterklärende Kreuzungen nach Vorbild der Niederlande

Drei von sieben Teilnehmenden befürworten zudem die Idee, Fahrradspuren künftig nicht mehr parallel zu Straßen verlaufen zu lassen. Vorreiterstädte wie Utrecht in den Niederlanden schließen diese Gefahrenquelle bereits bei der Planung von Radwegen aus. Das Grundprinzip ist immer ähnlich: Übersichtliche, gut einsehbare Straßen führen zu vorhersehbarem Verhalten – und weniger Unfällen. Farblich abgesetzte, glatte Radspuren, die breit und vom motorisierten Verkehr getrennt sind, erhöhen weiter die Sicherheit. Zudem werden Kreuzungen je nach Geschwindigkeit gestaltet.

So sind sichere Kreuzungen in den Niederlanden gestaltet:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Neue Herausforderungen

Die zusätzliche Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zum Radfahren stellt für die meisten Befragten in Neustadt keine Alternative dar: Nur zwei von sieben vergaben für diese Kombination die Note „Gut“. Das Fahrrad als Transportmittel? Für einige Testradler war das eine neue Erfahrung. Für den Einkauf etwa nutzen die meisten gewöhnlich das Auto. Mit den Fahrrad-Abstellmöglichkeiten in der Neustädter Innenstadt sind die Testerinnen und Tester überwiegend zufrieden: Fünf von sieben bescheinigen der Stadt gute bis sehr gute Stellplätze. Das beste Argument, aufs Rad zu steigen, ist für die sieben Befragten eines: der Umweltgedanke – hier setzten alle ihr Kreuzchen.

„Es zeigt, dass es richtig ist, dass wir in Neustadt mehr für den Radverkehr tun“, sagt Bürgermeister Dominic Herbst. „Die Bürgerinnen und Bürger wollen aufs Rad und das müssen wir fördern.“

„Ich habe während der Radelaktion mehr Natur wahrgenommen – Rehe etwa oder die Strohballen auf den Feldern. Das war positiv. Aber ich habe auch schlechte Radwege erlebt.“

Hartmut Strecker (62), Unternehmer
Foto: Florian Petrow

„Das E-Bike ist ideal, um damit zwischen den Verwaltungsgebäuden zu pendeln. Das Fahrgefühl ist fabelhaft und die Nutzung ganz unkompliziert.“

Annette Plein (52), Fachbereichsleiterin für die Bereiche Bürgerservice und Stadtplanung bei der Stadt Neustadt a. Rbge.
Foto: Marleen Gaida

„Ich habe Vorurteile gegenüber dem Fahrrad abbauen können. Die 100 Kilometer, die ich damit zurückgelegt habe, wäre ich sonst mit dem Auto gefahren. Richtig toll war es, den Sonnenaufgang um 5 Uhr auf dem Rad zu erleben.“

Henning Hanebutt (49), Unternehmer
Foto: Florian Petrow

„Es ist ein gutes Gefühl, das Auto nicht zu bewegen. Außerdem kommt man mit Menschen in Kontakt – etwa beim Warten an der Ampel. Die Planung für den Einkauf nach der Arbeit war für mich die größte Herausforderung. Ein Negativerlebnis hatte ich zwischen Poggenhagen und Steinhude: Da ist der Zustand des Radweges sehr gefährlich.“

Dominic Herbst (32), Bürgermeister
Foto: Florian Petrow

„Der Gedanke, mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, hat mich motiviert. Man kommt mit dem Rad schneller ans Ziel. 110 Kilometer habe ich geschafft, ohne die Aktion wäre ich vermutlich nur einen Bruchteil davon geradelt. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass es bei schlechter Witterung ungemütlich werden kann.“

Luisa Skrzipczyk (25), Kauffrau für Büromanagement, Firma Temps
Foto: Florian Petrow

„Ich war überrascht von der Zeitersparnis, die mir das Radfahren gebracht hat. Entgegen meiner Erwartungen gab es keinen Mehraufwand. Allerdings lässt die Qualität der Radwege an vielen Stellen zu wünschen übrig. Ein unbegleitetes Kind würde ich nicht allein durch Neustadt fahren lassen.“

Viviane Fortmann (22), Auszubildende bei der Firma Temps
Foto: privat